Strom ist nicht gleich Strom

Verbraucherverbände und Politiker propagieren den Anbieterwechsel — was ist dran?

Der deutsche Verbraucher ist träge, zumindest wenn es um Energie aus der Steckdose geht. Seitdem der Strommarkt im Jahr 1998 liberalisiert wurde, haben nach Angaben des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) gerade mal schlappe zehn Prozent der Stromkunden den Anbieter gewechselt, drei Prozent davon nach einem Umzug. Doch spätestens seit der Abschaffung der Preisgenehmigungspflicht für Grundversorgungstarife am 1. Juli 2007 kommt Bewegung in den Markt. Viele Anbieter hatten zu diesem Datum ihre Preise erhöht – und damit energische Proteste der Verbraucherschützer ausgelöst. Mit der Kampagne „Strom. Jetzt wechseln. Jetzt sparen“ machen die Verbraucherzentralen nun auf die Möglichkeit zum freien Anbieterwechsel aufmerksam, denn: Günstiger Strom ist sehr leicht zu bekommen.

Man sollte sich allerdings nicht blindlings auf das erste Angebot stürzen. Gabriele Francke, Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Berlin, rät: „Erstens sollte man wissen, was man eigentlich an Strom verbraucht. Also die eigene Stromrechnung studieren und sich Grundgebühr, Arbeitspreis und Jahresendverbrauch notieren. Dann erst entsprechende Vergleichsangebote einholen.“ Der Wechsel selbst sei dann sehr leicht. „Normalerweise reicht eine schriftliche Nachricht an den neuen Anbieter, der kümmert sich um alles“, weiß die Verbraucherschützerin. Francke warnt aber vor Firmen, die Vorkasse verlangen. Außerdem solle man ein Auge auf die Laufzeiten des Vertrages haben, je kürzer desto besser. Ähnliches empfiehlt auch die Stiftung Warentest, die online einen aktuellen Tarifrechner zum Download bereit hält. Als Faustformel gilt: Für Singles sind niedrige Festpreise von Vorteil, Vielverbrauchern nützt ein kleiner Kilowattstundenpreis.

Ökostrom – ja oder nein?

Die nächste Frage, die man für sich klären sollte, ist ob man etwas auf seine persönliche Umwelt-Bilanz gibt. „Mit der Entscheidung, Ökostrom zu beziehen, kann jeder dazu beitragen, den Atomstromanteil an der Energieversorgung zu senken und den Treibhauseffekt zu reduzieren“, heißt es auf der Webseite des Energieportals verivox.de. Immer mehr Verbraucher beziehen auch den CO2-Ausstoß in ihre Kalkulation mit ein. Der Ökostrom-Anbieter Lichtblick, der einen günstigen Strommix aus Wasserkraft, Biomasse und Wind- und Solaranlagen anbietet, hat mit dem Ansturm auf seine Produkte nicht gerechnet. „Wir rechnen damit, in fünf Jahren die Eine-Millionen-Kunden-Schwelle zu überschreiten. Das ist sehr viel besser als wir erwartet hatten“, meint Unternehmenssprecher Gero Lücking. Auch Nuon, die ihren „Lekker Strom“ atomstromfrei liefern, verzeichnet seit Jahresanfang über 70.000 Wechselanträge, davon circa 40.000 in Berlin. Vattenfall, in Berlin als Netzbetreiber und größter Stromvertreiber immer noch der „Grundversorger“, bietet mit dem Tarif „BerlinNatur Privatstrom“ eine Ökovariante. „Mindestens ein Drittel der daraus verkauften Strommenge muss Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung unterstützen“, weist Olaf Weidner von Vattenfall die Kritik zurück, mit einem Ökostrom vom Großversorger fördere man nur den Bau von neuen Atom- und Kohlekraftwerken. Egal, aus welcher Quelle man seinen Strom bestellt, „hundertprozentige Ökostromangebote sind bisher nur in begrenzten Regionen möglich“, betont Gabriele Francke. Dennoch stehen die Zeichen auf Grün: Dank der anhaltenden politischen Diskussion um alternative Energiequellen erwartet Gero Lücking von Lichtblick deutlich mehr Investitionen in Offshore-Windanlagen und Biomasse. Einen Anteil von 25 bis 30% an regenerativen Energien habe sich die Bundesregierung bis zum Jahr 2020 als Ziel gesetzt, „wir glauben, dass diese sehr viel schneller als erwartet erreicht sein werden.“ Um die regionalen und saisonalen Schwankungen der alternativen Energiequellen – ihr offensichtlichster Nachteil gegenüber klassischen Energieträgern – auszugleichen, hofft der Lichtblick-Mann nun auf weitere technische Innovationen und eine Modernisierung der Netzsteuerung. Spätestens dann wird wohl auch der deutsche Durchschnittsverbraucher eine Alternative zu seinem klassischen Stromtarif finden.

Alles klar? Nein? Lesen Sie die ausführlichen Interviews mit Olaf Weidner (Pressesprecher von Vattenfall), Heike Klumpe (Leiterin Unternehmenskommunikation bei NUON) und Gero Lücking (Bereichsleiter Unternehmenskommunikation bei LichtBlick)

Der Stromsee Elektrischer Strom ist unsichtbar und schwer zu fassen. Er breitet sich rasend schnell aus und kann im Leitungsnetz nicht zu einzelnen Anschlüssen gelenkt werden. Wie komme ich also an Ökostrom? Fakt ist: Das, was aus der Steckdose kommt, ist überall das Gleiche. Trotzdem bleibt die Entscheidung für einen Ökostromanbieter nicht ohne Folgen. Stellt man sich das gesamte Stromleitungsnetz wie einen See vor, so entspricht die Strommenge dessen Wasserspiegel. Ziel ist es, diesen immer gleich zu halten. Entnimmt jemand an einem Ende Strom, muss genau die gleiche Menge Energie dem See woanders wieder zugeführt werden. Ein Kunde, der von einem konventionellen Anbieter Strom bezieht, sorgt dafür, dass mehr Strom aus Stein-, Braunkohlekraftwerken oder Atomkraftanlagen in den See eingespeist wird. Wer seinen Strom von einem Ökostromanbieter bezieht, veranlasst, dass der Strom aus abgasfreien Quellen wie Sonne, Wasser, Wind und Biomasse stammt und fördert somit den Erhalt und den Ausbau von Wasserkraftwerken, Solar- und Windkraftanlagen. Resultat: Das „Wasser“ im Stromsee wird langfristig sauberer.

Sie denken über einen Stromanbieterwechsel nach?

Gabriele Francke, Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale, empfiehlt:

  1. Sich individuell informieren:
    „Erstens sollte man wissen, was man eigentlich an Strom verbraucht. Also die eigene Stromrechnung studieren und sich auch den Jahresendverbrauch notieren. Dann entsprechende Vergleichsangebote einholen.“
  2. Anbieterwechsel:
    „Der Anbieterwechsel ist sehr leicht. Normalerweise reicht eine schriftliche Nachricht an den neuen Anbieter, der kümmert sich dann um alles. Wir warnen aber generell davor, Vorkasse zu leisten. Seriöse Anbieter fordern das nicht. Außerdem sollte man auf die Laufzeiten des Vertrages achten, denn generell gilt: je kürzer desto besser.“
  3. Ökostrom ja/nein:
    „Man sollte sich mit der Frage auseinander setzen, welchen Strom man überhaupt beziehen möchte. Das, was aus der Steckdose kommt, ist überall das Gleiche, doch mit einem Ökostromanbieter kann man langfristig den Bau von alternativen Energiekraftwerken unterstützen. 100%ige Ökostromangebote sind allerdings bisher nur in begrenzten Regionen möglich. “
  4. Ausnahme Nachtstrom:
    „Ein weiterer Knackpunkt ist Nachtstrom, der über spezielle Zähler abgerechnet wird. Sollte Ihr Hausofen oder Ihre Warmwasseranlage mit einer Elektrospeicherheizung laufen, haben die neuen Anbieter meist kein Standard-Angebot parat. Dann sind Sie weiterhin auf die Angebote der Grundversorger, im Berlin also Vattenfall, angewiesen.“

Angebot Strom- und Energieberatung der Verbraucherzentrale:
Die Verbraucherzentrale Berlin bietet immer Mittwochs 16.00 für eine Kostenbeteiligung von 5 € Beratungen zum Anbieterwechsel. Anmeldungen werden erbeten unter Telefonnummer: (030) 214 85-260 oder E-Mail: anmeldung@vz-berlin.de


Freiheiten nutzen – Stromanbieter wechseln

Viel zu wenige nutzen die lukrative Möglichkeit, den Stromanbieter zu wechseln – und verschenken dabei viel Geld

Die Energiekosten steigen, Strom wird immer teurer? Wechseln Sie doch einfach den Stromanbieter! Bisher taten dies relativ wenig deutsche Haushalte, schön doof, denn seit der Öffnung des deutschen Strommarktes 1998. Sie verschenken bares Geld. Auch wenn bald Weihnachten ist, sollten Sie das Geld lieber für richtige Geschenke ausgeben.

Wie finde ich den günstigsten Stromanbieter?
Stromtarifrechner finden Sie im Internet wie Sand am Meer. Meistens müssen der Jahresverbrauch in Kilowattstunden (kWh) und die Postleitzahl eingegeben werden. Ein Blick in die letzte Stromrechnung hilft!

Windkrafträder
Alternative Energiequelle Windkraft

Worauf muss ich achten?

Wie funktioniert der Wechsel?
Suchen Sie sich einfach den besten, weil günstigsten Anbieter heraus. Lassen Sie sich den Vertrag zukommen. Nachdem der Kunde den unterzeichneten Vertrag an den neuen Anbieter geschickt hat, übernimmt dieser die restlichen Formalitäten, darunter die Kündigung beim bisherigen Versorger. Übrigens: es üblich, dass der neue Anbieter für die Wechselprozedur keine Extra-Gebühr verlangt. Wenn die kompletten Anmeldeunterlagen bis zum 10. eines Monats zurückgeschickt wurden, erfolgt der Wechsel in der Regel zu Beginn des übernächsten Monats. Der Stromzähler muss nicht ausgetauscht werden.

Kann der Wechsel zum Stromausfall führen?
Nein. Per Gesetz ist der lokale Stromversorger dazu verpflichtet, alle Haushalte stets zu versorgen - auch wenn er nicht mehr Vertragspartner ist. Er kann also den Strom nicht einfach abstellen, weil ein Kunde gekündigt hat. De facto kommt auch nach dem Anbieterwechsel der Strom weiterhin vom lokalen Versorger. Der neue Anbieter stellt nur die von seinem Kunden benötigte Strommenge in das allgemeine Netz ein und zahlt dem lokalen Versorger eine so genannte Durchleitungsgebühr für den Transport bis in den Haushalt.

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